Die romanische Madonna

Aber bitte mit Krone

mehr als eine Schönheitsoperation für unsere Madonna

Von Willfried Weiß
(Artikel aus dem Forum 72, "Vergebung")

Die Umgestaltungsarbeiten in unserer St.-Marien-Kirche in Querum befinden sich in den letzten Zügen und haben so manche Veränderung gebracht – auch für unsere 46,5 cm große, sitzende Maria mit dem kleinen Jesus. Ganz offensichtlich ist ihr Standortwechsel vom Raum unter der Empore an die gebogene Wand, aber darüber hinaus wurde die Skulptur auch „saniert“. Das hat mich neugierig gemacht und ich biete Ihnen an, sich mit mir auf den „Lebensweg“ des Kunstwerkes zu begeben, auch wenn wir nicht sehr viel wissen. Freuen würde es mich, wenn jemand zu ihrer Geschichte noch etwas für das Archiv beisteuern würde.

Geburt

Die „Eltern“ sind unbekannt und auch daher können Geburtsstunde und -ort nur grob geschätzt werden: Zwei Fachleute legten sich dabei auf den Zeitraum 13./14. Jahrhundert fest und sie ist spanischer Herkunft, vermutlich aus Katalonien. Ihre Einschätzung basiert auf der Herkunft gleichartiger Sitzmadonnen, bei denen dies bekannt ist.

Die erste gesicherte Spur existiert vom 30.10.1942 in Aachen, als der Kunsthistoriker Prof. Dr. Gustav Grimme eine kurze handschriftliche Expertise auf der Rückseite eines SW-Fotos der Skulptur fertigt. Sein Sohn, Prof. Dr. Ernst Günther Grimme, trat in seine Fußstapfen und wurde später Direktor des Aachener Suermondt-Ludwig-Museums.

Genau 20 Jahre später erwarb die St. Marien-Gemeinde für ihre 1963 neu erbaute Kirche ihre Namenspatronin. Verkäufer war das Antiquitätengeschäft Hubert Lüttgen in Aachen, das heute noch von seinem Sohn geführt wird, der aber zur Herkunft keine weitere Angaben machen kann. Die Oberfläche der Figur war damals überwiegend holzsichtig und mit geringen Farbresten aus verschiedenen Zeitepochen. Ihr fehlten einzelne Teile, Bereiche waren gekittet und sie hatte Holzschäden durch Insektenfraß, insbesondere am Kopf und im Sockelbereich. Aber auch nur in solchem Zustand war eine so alte Skulptur für die Gemeinde erschwinglich.

Rahmen und Sockel

1976 schuf der Braunschweiger Künstler und Diakon Claus Killian einen Bronzeleuchter als Sockel und Rahmung für die Madonna. Ein Bild davon befindet sich in der Festschrift anlässlich des 25-jährigen Kirchweihfestes im Jahr 1988.

Erste Restaurierung

Eine erste Restaurierung in St. Marien erfuhr die Skulptur 1989/1990. Im Rahmen eines Kostenvoranschlages bewertete Restaurator Dr. Arnulf von Ulmann aus Detmold das Material als Eichenholz. Die Arbeiten führte aber der 1997 verstorbene Restaurator Fritz Herzig durch, der sich insbesondere durch die Rettung von Kirchenkunst im Zusammenhang mit dem 2. Weltkrieg in der Region Braunschweig verdient gemacht hat. Die Restauratorin Dr. Alexandra Schieweck hat sich in ihrer Diplomarbeit u. a. mit seinen Arbeiten beschäftigt. Im Gespräch erklärte sie mir, Herr Herzig sei der Schule zuzuordnen, die nicht unbedingt wissenschaftlich der individuellen historischen Spur der Skulptur folgt, sondern ihr ein für ihre Zeitepoche „passendes“ Aussehen gibt. Wie sich aus seiner Dokumentation ergibt, hat er sich dabei an einer romanischen Marienfigur orientiert und mit Kitt weitere Ergänzungen vorgenommen. Farbreste aus Fassungen des Mittelalters, des Barock und des 19. Jh. entfernte er. Da seine Vorlage ebenfalls nur Farbreste aufwies, wählte er für die Fassung (den Anstrich) die gotische Farbigkeit. Am 22. Juni 1990 wurde sie in St. Marien wieder aufgestellt.

Aktuelle Restaurierung

28 Jahre unter der Orgelempore bei den Opferkerzen haben der ca. 800 Jahre alten Skulptur ziemlich zugesetzt:

Risse an Marias Kopf (6 mm breit), in ihrem Kleid (4 mm) und auf der Rückseite der Figuren (1 mm), hervorgerufen durch Quellen und Schwinden des Holzes aufgrund der sich verändernden relativen Luftfeuchtigkeit und ein schwärzlicher Schleier, entstanden aus Kerzenruß.

Da die Kirche als Eigentümerin für den Erhalt verantwortlich ist, wandte sich Pfarrer Mnich an das Bischöfliche Generalvikariat in Hildesheim. Die zuständige Konservatorin und Kunstdenkmalpflegerin Dr. Monika Tontsch, die sich bundesweit für dieses Thema engagiert, nahm Kontakt mit der Restauratorin Jutta Knörle aus Giesen auf, die unsere Kirche besuchte und die Figur zur Restaurierung mitnahm.

Vereinfacht dargestellt entfernte die Restauratorin zunächst den Ruß von der Oberfläche der Skulptur mechanisch und mit speziellen Lösungsmitteln, entfernte den nachträglich im Kopfbereich angebrachten Kitt und kittete die Risse im Holz und bei den Farbschichtfehlstellen. Dann erhielten die gekitteten Bereiche den passenden Farbanstrich. Eine aufwendige Arbeit.

Wie die Jungfrau zur Krone kam

Im Rahmen von intensivem Literaturstudium fand Jutta Knörle heraus, dass bei vergleichbaren romanischen Sitzmadonnen Maria und manchmal auch das Jesuskind eine Krone tragen, meist aus Metall. Aufgrund der Holzschäden im Kopfbereich konnte sie bei unserer Figur den Nachweis dafür nicht erbringen, aber von beiden Frauen wurde diese Ergänzung als sinnvoll angesehen. So kam es zu einem „Workshop“ mit Dirk Zeyher, einem Metallgestalter aus Hildesheim, bei dem man gemeinsam das Design der Krone entwickelte. Diese soll als Rekonstruktion erkennbar sein, basiert auf keiner historischen Vorlage, aber entspricht in Form und Proportion dem 13./14. Jh.

Als Material entschied man sich für ein Blech aus einer Messinglegierung mit mehr als 70 % Kupfer, bekannt als Tombak oder auch Trompetengold.

Dirk Zeyher hat die Form dann auf das Blech gezeichnet, an den Ecken Löcher gebohrt, ausgeschnitten, gerundet, verlötet, hochglanzpoliert und dann auf den Figuren befestigt. Auch hat sie von ihm den schlichten Fuß als Wandbefestigung erhalten, von dem die Namenspatronin unserer Kirche seit der Neueröffnung im Dezember 2018 die Besucher grüßt.

Bilder der romanischen Madonna

Älteste bekannte Aufnahme der romanischen Madonna aus St. Marien, vermutlich 1942.
Älteste bekannte Aufnahme der romanischen Madonna aus St. Marien, vermutlich 1942.
Die romanische Madonna aus St. Marien vor der ersten Restaurierung, ca. 1980.
Die romanische Madonna aus St. Marien vor der ersten Restaurierung, ca. 1980.
Restaurierung Herzig 1990, mit Vergleichsmadonna, Grundanstrich.
Restaurierung Herzig 1990, mit Vergleichsmadonna, Grundanstrich.
Madonna heute mit Krone heute.
Madonna heute mit Krone heute.

←  zu St. Marien - Braunschweig, Querum←  zur Gemeinde-Übersicht