Wieder Feier von Gottesdiensten. Ein Neuanfang?

Wieder Feier von Gottesdiensten. Ein Neuanfang?

Liebe Gemeindemitglieder,

am kommenden Samstag/Sonntag wird es in unserer Pfarrei wieder gemeinsame Gottesdienste geben – mit Anmeldung und begrenzter Teilnehmerzahl. Es ist sicher schön, dass wir wieder gemeinsam beten und unseren Glauben feiern können. Aber wir werden zugleich zahlreiche Einschränkungen, Maßnahmen und Vorschriften zu beachten haben, die uns in Richtlinien des Bistums Hildesheim vorgegeben sind.

Die ersten Gottesdienste werden auch noch keine Eucharistiefeiern sein. Bischof Heiner empfiehlt in einem Brief vom 8. Mai „zunächst mit Wortgottesdiensten zu beginnen. In diesen Zeiten sind kleine und kurze Gottesdienste in jedem Fall angebrachter, als lange Zusammenkünfte, bei denen sich viele treffen. Langsam und mit Bedacht kann dann, je nach Ermessen, auch wieder Eucharistie gefeiert werden. Wir werden neue Erfahrungen mit neuen und mit schon bekannten Formen des gemeinsamen Betens machen.“

Es geht also um erste, vorsichtige Schritte, uns als Gemeinde wieder zusammen zu finden und in Gemeinschaft zu beten.

Ehrlich gesagt bin ich gespannt, wie das gelingen wird. Denn die in letzter Zeit oft diskutierte und erwünschte Rückkehr zur Normalität wird es ganz bestimmt (noch) nicht sein. Und wir werden unsere Erfahrungen damit sammeln müssen, wie das ist, wenn im Gottesdienst Jede und Jeder einen Mund- und Nasenschutz tragen muss.

Ich fand es überraschend aber auch ehrlich und mutig, dass Bischof Gerhard Feige von Magdeburg im Blick auf diese Situation bereits in einem Artikel vom 20.04.2020 schrieb:

„Wenn seitens der Kirchen nunmehr der Druck auf den Staat erhöht wird, dass baldmöglichst wieder Gottesdienste nicht nur per Radio, Fernsehen und Livestream mitgefeiert werden können, frage ich mich natürlich, ob das in der den aktuellen gesetzlichen Vorschriften anzupassenden Form tatsächlich den Glauben fördert oder eher zum Krampf wird. Ich kann mir bis jetzt jedenfalls kaum vorstellen, wie Gottesdienste mit Zugangsbegrenzung, Anwesenheitsliste, Abstandswahrung, Mundschutz, Handschuhen, einem Desinfektionsritus vor der Gabenbereitung und der Austeilung der Kommunion mittels einer – noch zu erfindenden – liturgischen Zange gottgefällig und heilsdienlich sein sollen.“

Ich glaube zwar, dass es Gott sicher auch gefällt, wenn wir ihn mit einer Maske loben – sofern „Maske“ eben für den Mund- und Nasenschutz und nicht für Verstellung steht.
Aber ob wir die Atmosphäre in einem solchen Gottesdienst als heilsam erfahren können, wird sich zeigen müssen.
Viel mehr noch wird sich wohl gerade jetzt auch zeigen müssen, was uns die Feier von gemeinsamen Gottesdiensten wirklich bedeutet und wert ist.
Und was das betrifft, sind meine Empfindungen beim Gedanken an die Wiederaufnahme der Feier von Gottesdiensten nicht nur ungetrübte Freude, sondern durchaus ambivalent.

Gut zwei Monate sind unsere Kirchen jetzt leer geblieben, weil als Maßnahme gegen die zu schnelle Ausbreitung des gefährlichen Virus auch Zusammenkünfte zur Feier von Gottesdiensten untersagt waren.
Aber waren unsere Kirchen vorher nicht auch schon ziemlich leer…?

Jetzt dürfen in St. Marien nicht mehr als 45 Personen in einem Gottesdienst sein. Wegen der Abstandsregel müssen sie sich im ganzen Raum verteilen. Und gemeinsames Singen ist wegen der erhöhten Infektionsgefahr nicht erlaubt …

„Vor Corona“ kamen zur Vorabendmesse am Samstagabend und zur 9.00-Uhr-Messe in St. Marien oft gerade einmal 40 Personen. Sie verteilten sich im gesamten großen Kirchenraum und – man sieht das von vorn recht gut … – nicht einmal die Hälfte von ihnen sang mit.

Das ist doch irgendwie eigenartig…

Und es stellt sich mir die Frage, ob die leeren Kirchen nicht schon lange Ausdruck einer Entwicklung waren, für deren Beschleunigung es nicht extra ein Virus brauchte. Oder ob die Wiederaufnahme der Feier von Gottesdiensten einen wirklichen Neubeginn markieren kann.

Der tschechische Priester und Theologe Tomáš Halík schrieb Anfang April in einem Artikel:

„Ich werde jedoch die Frage nicht los, ob die Zeit der leeren und geschlossenen Kirchen für die Kirche nicht einen warnenden Blick durch das Fernrohr in eine verhältnismäßig nahe Zukunft darstellt: So könnte das in ein paar Jahren in einem Großteil unserer Welt aussehen. Sind wir denn nicht genug gewarnt durch die Entwicklung in vielen Ländern, in denen sich die Kirchen, Klöster und Priesterseminare immer weiter leerten und schlossen?

Warum machten wir für diese Entwicklung so lange äußere Einflüsse …verantwortlich und wollten nicht zur Kenntnis nehmen, dass ein weiteres Kapitel der Geschichte des Christentums zu Ende geht, und es daher notwendig ist, sich auf das nächste vorzubereiten?

Vielleicht zeigt diese Zeit der leeren Kirchen den Kirchen symbolisch ihre verborgene Leere und eine mögliche Zukunft auf, die eintreten könnte, wenn die Kirchen nicht ernsthaft versuchen, der Welt eine ganz andere Gestalt des Christentums zu präsentieren. Zu sehr waren wir darauf bedacht, dass die ‘Welt‘ (die anderen) umkehren müsste, als dass wir an unsere eigene ‘Umkehr‘ gedacht hätten - nicht nur an eine ‚Verbesserung‘, sondern an die Wende vom statischen ‚Christ sein‘ zum dynamischen ‚Christ werden‘.“

Ob es uns durch die Herausforderungen der gegenwärtigen Krise gelingen wird, uns von einem statischen Christ sein, von der Verlockung der Rückkehr in das Gewohnte und Sichere zu lösen und aufzubrechen in ein dynamisches Christ werden – in die Entdeckung und Wahrnehmung des Auftrags, den wir als Kirche in dieser Zeit haben?

Es wäre schön, wenn die Wiederaufnahme der Feier von Gottesdiensten dafür ein Impuls sein könnte, der uns in Bewegung versetzt.

Ihr Pfarrer Bernward Mnich