Pfingsten – (K)ein Fest?

Pfingsten – (K)ein Fest?

Liebe Gemeindemitglieder,

In wenigen Tagen ist Pfingsten.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich schreiben soll „feiern wir das Pfingstfest“. Denn abgesehen von der ziemlich eingeschränkten Form und Art und Weise wie wir zurzeit unsere Gottesdienste feiern können ist die viel grundlegendere Frage doch: Ist Pfingsten für die meisten, mehr als zwei freie Tage, noch ein Tag, an dem es etwas zu feiern gibt?

Auf jeden Fall ist Pfingsten kein emotional erlebbares Fest, so wie Weihnachten oder auch noch Ostern. Keine Geschenke, keine Ostereier, keine Traditionen, keine Dekorationen, keine Umsatzsteigerung im Handel, kein besonderes Brauchtum.  Und das, worum es geht – oder besser: Der, um den es geht, nämlich der Heilige Geist, lässt sich nicht fassen, nicht darstellen, ist so ungreifbar und entzieht sich unseren Vorstellungen so luftig und schwebend wie ein Windhauch…

In der NDR-Serie „Frühstück bei Stefanie“ wurde das Problem vor einigen Jahren auf herrlich humorvolle Art auf den Punkt gebracht, als Udo Martens, einer der Protagonisten, räsonierte:

„… wat ich mal fragen wollte: Der Heilige Geist, der ist doch unsichtbar, oder…? –
Ja ich mein‘ wegen Pfingsten jetzt. Da is‘ er doch irgendwie tätig gewesen…
So, und wenn er unsichtbar ist, dann geht er ja nicht für so Schokogeschichten, jetzt wie
Christkind, Weihnachtsmann, Nikolaus, Osterhase, dieses…
Ja nee, ich mein‘ nur. Pfingsten haben se eventmäßig nu vollkomm verpennt…“

Fragt sich natürlich, wer hier was „verpennt“ hat. Ich glaube, als Christen kommen wir nicht umhin, uns zu fragen, ob die Begeisterung, die unseren Glauben eigentlich auszeichnen und tragen sollte, manchmal nicht auch irgendwie eingeschlafen ist. Ja, ich wage einmal etwas provokativ zu fragen:

Haben wir als Kirche, als Gemeinden und auch als einzelne Christen nicht schon lange vor Corona in einer Art selbstauferlegter Maskenpflicht und Abstandsregelung gelebt? Die Maske steht dabei für diese Haltung: „Darüber spricht man nicht!“ Was heißt: Wenn es um den Glauben geht, trage ich lieber eine Maske. Ich will ja keine Reizungen hervorrufen, keine Irritationen. Und ich will auf keinen Fall Jemanden infizieren, anstecken…

Ja, wenn es um Glauben geht, bleibt man aus Anstand lieber auf Abstand. Man will keinem zu nahe treten. Und auch anders herum: Würde es mich nicht auch peinlich berühren oder wenigstens verunsichern, wenn mir Jemand ganz „ungeschützt“ etwas über seinen Glauben erzählt, davon, was er ihm oder ihr bedeutet oder wie er in bestimmten Situationen getragen und geholfen hat?

Was in der Apostelgeschichte im Neuen Testament der Bibel über das Pfingstereignis erzählt wird, klingt tatsächlich nach einem erstaunlichen Event. Aber es ist viel mehr! Es ist die Geburtsstunde des Glaubens und einer Sprache, die Glauben wecken kann. Da tritt eine kleine Jüngergemeinde aus dem Binnenraum der Ängstlichkeit und Verunsicherung, der Schüchternheit und Sprachlosigkeit unter die Leute und spricht freimütig von ihrem Glauben an Jesus, den Gekreuzigten, den GOTT auferweckt hat und der der Herr und Messias ist. Diese Jünger finden eine Sprache, die alle verstehen und die allen zu Herzen geht.

Und das alles geschieht nicht aus eigenem Entschluss und aus eigener Kraft, sondern in der Kraft des Heiligen Geistes, der sie gepackt hat und mit Begeisterung erfüllt. Hier ist GOTT selber am Werk. Seine innerste Dynamik, sein Lebensatem überwindet die Erstarrung und die Flaute. Nicht erklärbar. Aber spürbar.

Manfred Scheuer, der Bischof von Linz, schreibt:

„Der Geist der Liebe ist es, der aus der entmutigten, verzweifelten, zerstreuten und verleugnenden Jüngerschar Zeugen der Auferstehung erstehen lässt. Gottes Geist gibt ihnen eine neue Sprache: aus dem Blabla, dem unverbindlichen Geschwätz, aus dem Gezänk der Parteien, der Saft- und Kraftlosigkeit der Predigten, in den Sprachbarrieren entsteht eine neue Verstehensgemeinschaft. Als geisterfüllte Menschen erinnern und bezeugen die Apostel das kraftvolle, tröstende Wort Gottes, das Jesus in Person ist. Der Geist ist ihnen Beistand, der guten Stand gibt, gerade wenn sie traurigen, sprachlosen, lahmen, trägen, einsamen, verängstigten oder verbitterten Menschen begegnen. Der Heilige Geist eröffnet Lebensräume, wo alle in die Enge getrieben sind, Freiräume, wo die Lasten drücken, Quellen, wo alles verkarstet, Licht, wo Dunkel herrscht.“

Pfingsten. Wir brauchen kein Event. Wir brauchen eine neue Be-Geisterung. Und vielleicht gerade keine laute und lärmende. Sondern eine stille, aber nachhaltige. Und das setzt eine betende Offenheit voraus, wie es ein Gebet von Roger Schutz ausdrückt:

Geist des auferstandenen Christus,
nur wenn wir in großer Einfachheit beten,
können wir dich empfangen.
Du weißt, wie wenig
menschliche Sprache auszudrücken vermag,
was in unserer Tiefe geschieht.
Doch du bist es,
der bei unserem schlichten Gebet
zu uns spricht,
bisweilen durch ein Wort,
durch ein Ereignis,
manchmal in einem Stillehauch.
Du sprichst zu uns,
und in deiner Gegenwart
bricht das Morgenrot
eines Vertrauens an.

Ihr Pfarrer Bernward Mnich