Maria. Vision einer neuen Welt

Maria. Vision einer neuen Welt

Liebe Gemeindemitglieder,

im Mai gehören normalerweise – zumindest für die Älteren – die Maiandachten zum vertrauten „Repertoire“ unserer Gottesdienste. In diesen Andachten ehren wir Maria als Mutter Gottes und verbinden uns mit ihr im Gebet und in der Betrachtung dessen, was Gott uns in seinem Sohn Jesus Christus geschenkt hat. Ein tiefes intuitives Gespür der Volkfrömmigkeit hat wohl den Monat Mai, in dem überall neues Leben aufbricht, in dem es überall grünt und blüht, mit Maria in Verbindung gebracht. Auch in den Bildern der christlichen Kunst wurde Maria oft inmitten von Blumen und Blüten dargestellt. Und in der Sprache der Mystik und Spiritualität sogar selber als Blume benannt – etwa als Rose oder Lilie.

In solchen Bildern klingt einerseits eine Ahnung von dem verloren gegangenen Paradies an. Andererseits drückt sich hier die Überzeugung aus, dass mit Jesus Christus, den Maria geboren hat, die endgültige Rettung und Befreiung des Menschen durch Gott begonnen hat. Neues Leben bricht sich Bahn und blüht auf.

Dabei war das Leben von Maria, das in einzigartiger Weise mit dem Lebensweg Jesu verbunden ist, alles andere als „auf Rosen gebettet“. Da ab es Zumutungen und Härten, Konflikte und Missverständnisse, Schmerzen und Leid. Maria hat sich eingelassen auf den Weg mit einem Gott und einem Sohn, den sie oft auch nicht verstanden hat. Darin liegt die Größe und Glaubenskraft dieser einfachen Frau aus Nazareth.

Einer der schönsten biblischen Texte in Verbindung mit Maria ist für mich das Magnificat: Der Lobgesang Mariens im ersten Kapitel des Lukasevangeliums.

Seit der Neugestaltung des Kirchenraumes von St. Marien „umarmt“ der größte Teil des Magnificat in Form eines Textbandes am Boden aus großen goldenen Buchstaben die versammelte Gemeinde. „Meine Seele preist die Größe des Herrn“ – so beginnt es vor den Stufen zum Altarraum. Maria preist Gott für sein befreiendes Handeln und bejubelt die Vision einer neuen Welt.

Und dieser Jubel hat durchaus etwas Provozierendes an sich. Denn im Folgenden wird deutlich, dass Gottes Taten neue Maßstäbe setzen: „Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind“, heißt es. Und dann weiter: „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.“

Hier ist wirklich die Rede von einem Gott, der gegen Ungerechtigkeit, gegen Ausbeutung und Unterdrückung der Armen durch die Mächtigen einschreitet. Und das ist keine politische Ideologie, sondern die Überzeugung: Für Gott hat ausnahmslos jeder Mensch eine einzigartige und unveräußerliche Würde. Und Gott hat sich in seinem Sohn Jesus Christus – das ist der besondere Akzent der Botschaft des Lukasevangeliums – auf die Seite der Armen gestellt.

Zurzeit erleben wir mit der Coronakrise eine globale Herausforderung, die Vieles, was uns selbstverständlich geworden war, in Frage stellt und möglicherweise noch in seinen Grundfesten erschüttern wird.

Ob mit dieser Herausforderung auch die Chance verbunden ist, in unserem Zusammenleben, auch in den weltweiten wirtschaftlichen und politischen Verflechtungen und Abhängigkeiten neue Maßstäbe zu setzen? Maria mit ihrem Magnificat könnte dafür vielleicht auch eine Wegweiserin sein.

Der früherer brasilianische Bischof Dom Hélder Câmara, einer der profiliertesten Vertretern der Befreiungstheologie und einer der bedeutendsten Kämpfer für die Menschenrechte in Brasilien, hat einmal ein wunderbares Gebet zu Maria verfasst:

 

Maria, Mutter Christi und Mutter der Kirche!

Wenn wir uns

für die Ausführung des Evangelisierungsauftrags rüsten,

den wir fortzuführen, auszuweiten und zu intensivieren haben,

dann denken wir an dich.

Insbesondere denken wir an dich,

weil du eine so herrliche Danksagung gesprochen hast,

so ein wunderbares Lied gesungen hast,

als deine Kusine Elisabeth, die Mutter Johannes’ des Täufers,

dich öffentlich als die Glücklichste der Frauen pries.

Aber du hast dich auf deinem Glück nicht ausgeruht,

sondern hast an die ganze Menschheit gedacht.

An alle hast du gedacht.

Dabei hast du dich eindeutig für die Armen entschieden,

wie es später auch dein Sohn tat.

Was ist das an dir, in deinen Worten und in deiner Stimme,

dass du im Magnificat verkünden kannst

die Entmachtung der Mächtigen und die Erhöhung der Demütigen,

die Sättigung der Hungrigen

und die Entleerung der Reichen,

und dass es niemand wagt,

dich als subversiv zu beurteilen

oder mit misstrauischen Augen zu betrachten.

Leih uns deine Stimme, sing mit uns!

Bitte deinen Sohn,

dass sich in uns allen die Pläne des Vaters voll verwirklichen.

 

Ihr Pfarrer Bernward Mnich