Maria Königin?

Maria Königin?

Liebe Gemeindemitglieder,

es scheint derzeit kein Wort zu geben, das wir jeden Tag öfter hören oder lesen als „Corona“. Entweder für sich oder in verschiedenen Zusammensetzungen wie „Corona-Virus“, „Corona-Pandemie“ oder „Corona-Krise“…
„Corona“, dieses lateinische Wort heißt eigentlich „Krone“. Es wurde zur Bezeichnung für das neue gefährliche Virus aufgrund von dessen Oberflächenstruktur.

Vielleicht ein etwas gewagter Sprung – aber es ist eben tatsächlich so: Weil sich das Wort „Corona“ im Kopf festgesetzt hat, geht mir in diesen Tagen des Marienmonat Mai immer wieder die Frage durch den Kopf: „Warum trägt Maria eigentlich auf so vielen Darstellungen eine Krone auf dem Kopf? Warum haben wir sie gekrönt und zur Königin gemacht – auch in einer ganzen Reihe von Titeln wie „Königin des Himmels“, „Königin des Friedens“, „Königin der Engel“?

Bei dieser Frage fiel mir ein Text von Christiane Eggers ein:

maria - königin.
Warum denn königin?
gilt eine frau nur etwas,
wenn sie königin ist,
von hoher geburt -

sind wir nicht alle von hoher geburt -
königskinder,
kinder des Einen,
der uns rief zum leben?

hat er sich nicht auf die seite der kleinen gestellt,
der niedrigen, unscheinbaren -

hat er nicht alle titel abgelegt,
er, der ihr sohn war -

maria -
königin,
brauchst du ihn,
diesen namen wirklich?

ich höre das klappern deiner sandalen,
das geschrei deines esels,
dein lachen -
was brauchst du titel und würde?

 

was brauchst du titel und würde? – Eine vielleicht provozierende Frage. Aber ist es nicht wirklich so: Maria braucht keine Titel und keine Würde, die wir ihr verleihen. Sie, die im Magnificat singt:
„… mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Denn auf die Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat ER geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.
Denn der Mächtige hat Großes an mir getan…“

Maria hat eine innere Größe, die von Gott kommt. Eine innere Größe, die Gott Jeder und Jedem verleihen will, die ihm vertraut und sich auf ihn verlässt.

So gesehen könnte es angebracht sein, dass wir die „Oberflächenstruktur“ unserer Marienverehrung, dass wir die Bilder, die wir von Maria haben oder gemacht haben, immer wieder einmal überprüfen. Denn eine oberflächliche Marienverehrung kann auch Gefahren der Einseitigkeit oder Verzerrung bergen.

In einem Gedicht des Schweizer Theologen und Pfarrers Kurt Marti heiß es:

später viel später
blickte maria
ratlos von den altären
auf die sie
gestellt worden war

und sie bangte
um ihren verstand
als immer mehr leute
auf die knie fielen
vor ihr

am tiefsten
verstörte sie aber
der blasphemische kniefall
von potentaten und schergen
gegen die sie doch einst
gesungen hatte voll hoffnung

In der ihm eigenen pointierten Sprache weist Kurt Marti darauf hin, dass im Laufe der Geschichte oft die Mächtigen der Welt und der Kirche vor Maria auf die Knie fielen, nachdem sie ihr die Insignien und den Prunk königlicher Macht verliehen hatten – wie eine Projektion der eigenen Macht, um eben diese ihre Macht zu rechtfertigen.

Maria aber singt im Magnificat: „ER stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.“

Maria kann dieses kraftvolle Lied singen, weil sie der Macht Gottes vertraut und nicht der Macht von Menschen.

Während meines längeren USA-Aufenthalts im Jahr 2002 machte ich einmal einen Besuch in der Kathedrale von Milwaukee. Die Marienstatue in dieser Kirche hat mich sehr angesprochen. Kein schüchternes Mädchen, sondern einen erwachsene Frau. Ihre Haltung drückt für mich eine kraftvolle Dynamik aus, ihre Bewegung ist ein aufrechter Gang, ein energisches Entgegen-Kommen. Die offenen Arme und Hände signalisieren eine Ausgewogenheit von Nähe und Distanz.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Gesicht spiegelt ein inneres Leuchten wider und zugleich auch Klarheit, Selbstbewusstsein, Entschlossenheit und Güte.

Diese Maria braucht keine Krone…

 

Ihr Pfarrer Bernward Mnich