Löschen und neu installieren?

Löschen und neu installieren?

Liebe Gemeindemitglieder,

„Lieber Gott, bitte lösche das Jahr 2020 und installiere es neu, denn es hat einen Virus!!!!“ – Das stand mit Kreide geschrieben auf einem asphaltierten Radweg, auf dem ich am Montag in Querum entlang fuhr. Beim schnellen Vorbeifahren hatte ich zuerst nur „Virus“ und „Lieber Gott“ wahrgenommen. Ich musste umdrehen und das Ganze aufmerksam lesen. Erst da fiel mir die – wie ich es empfand – humorvolle Ironie und die Analogie zum IT-Bereich auf. Auch dort kann sich ein Virus schnell verbreiten, auf einem Rechner oder in ganzen Netzwerken großen Schaden anrichten oder im schlimmsten Fall alles lahm legen. Da hilft dann u.U. tatsächlich nur, das Betriebssystem komplett zu löschen und neu zu installieren.

Löschen und neu installieren. Wenn es im wirklichen Leben nur auch so einfach wäre – das war mein zweiter Gedanke. Das Corona Virus gehört nicht zur virtuellen Realität sondern zu unserer physischen und biologischen Welt. Es hat sich auf der ganzen Welt ausgebreitet und bedroht die Gesundheit, ja, das Leben vieler Menschen. Die Auswirkungen der Pandemie bzw. notwendiger Schutzmaßnahmen sind im privaten und öffentlichen Leben sowie in der Wirtschaft deutlich zu spüren und die gravierenden Folgen werden uns sicherlich auch noch lange beschäftigen.

Löschen und neu installieren – das geht nicht. Ganz abgesehen davon, dass es hoffentlich in den ersten Monaten dieses Jahres auch so Schönes und Wertvolles gab, dass wir diese Zeit nicht auslöschen möchten – wir können nur in und mit der Wirklichkeit leben, wie sie nun einmal ist. Wir können Gefahren und Probleme, Krankheit und Leid nicht einfach löschen. Und auch Gott kann oder tut es nicht. Warum? Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur, dass Gott größer ist als mein Begreifen. Dass Er ein Geheimnis ist, das ich mit dem Verstand nicht ausloten kann. Aber ich ahne zugleich: Für Gott ist seine Schöpfung und sind wir Menschen einmalig. Wir sind nicht Figuren im Programm eines Computerspiels, so als lebten wir in einer Matrix, einer Scheinwelt, die mit der Realität nichts zu tun hat. Und Gott ist nicht der, der an einer großen Spielkonsole alles kontrolliert, der Fehler macht und korrigiert, der löscht und neu installiert und am Ende mit einem Virus nicht klar kommt…

Doch Gott ist so wirklich und in Jesus Christus so menschlich, dass ich ihm alles, wirklich alles sagen kann. Fragen und Zweifel. Angst und Verzweiflung. Ärger und Zorn. Wünsche und Bitten – so wie sie mir aus dem Herzen oder über die Lippen kommen: unzensiert und ungefiltert. Auch eine Bitte wie „Lieber Gott, bitte lösche das Jahr 2020 und installiere es neu, denn es hat einen Virus!!!!“

Ein Stück weiter stand übrigens auf dem Radweg mit Kreide geschrieben: „Alles wird gut!“

Ich glaube, Gott wird auch diesen Wunsch und die Sehnsucht und Hoffnung, die darin steckt, verstehen und ernst nehmen. Und ich denke an ein Wort des Apostels Paulus in seinem Brief an die Christen in Rom:

„Wir wissen, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt.“

Ihr Pfarrer Bernward Mnich