Knoten lösen

Knoten lösen

Liebe Gemeindemitglieder,

in der Wallfahrtskirche St. Peter am Perlach in Augsburg befindet sich im rechten Seitenschiff ein ungewöhnliches Marienbild. Es zeigt Maria, die ein weißes Band in den Händen hält und die darin befindlichen Knoten löst.

Vor dem Bild der „Maria Knotenlöserin“ verweilen viele Menschen in betender Betrachtung. Sie sehen in den Knoten wohl ein Symbol für die Probleme in ihrem Leben, für die Irrungen und Wirrungen, für die Verwundungen und Verwicklungen, die es im Leben jedes Menschen gibt. Oft ist es schwer, sie zu lösen bzw. eine Lösung zu finden. Und manchmal braucht man dafür auch die Hilfe und die Begleitung durch einen anderen Menschen.

Erwarten die Menschen von Maria die Lösung ihrer Lebensprobleme? Auf jeden Fall bitten sie Diejenige um Hilfe und Unterstützung, die mit ihrer ganzen Existenz auf Gott verweist und für den Glauben steht: Gott ist es, der uns begleitet und führt, der die Verwundungen heilen und die Verknotungen unseres Lebens auflösen kann.

In Maria ein Vorbild  und eine Schwester im Glauben zu finden kann ermutigen, sich den eigenen Lebensknoten zu stellen, die Unlösbaren Gott anzuvertrauen und sich bereitwillig und geduldig der Lebensknoten anderer anzunehmen – wie Maria.

So kann der Blick auf die Knotenlöserin dann auch ermutigen, sich mit den je eigenen Möglichkeiten beherzt an die Lösung der eigenen Lebensknoten zu wagen und auch anderen bei der Lösung ihrer Knoten zu helfen.

Das Bild zeigt, dass es dafür Geduld, Fingerspitzengefühl, Behutsamkeit und Einfühlungsvermögen braucht. Die „Hau-Ruck-Methode“, ein Ziehen und Zerren mit Gewalt  helfen nicht, sondern machen einen Knoten nur noch fester.

Das trifft für die Lösung vieler Probleme zu. Auch für viele der Probleme, die zurzeit durch die Coronakrise entstanden sind – ob in der persönlichen Lebenssituation von Menschen oder in den großen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen.

Auch hier gilt vor allem: Diese Probleme lassen sich nur gemeinsam lösen.

Es hilft wenig, wenn sich die Länder, Parteien oder irgendwelche Gruppen in der aktuellen Gefahrenlage in hitzige Diskussionen über das Tempo der Lockerungen verstricken, anstatt gemeinsam abzuwägen und nach den richtigen Schritten zu suchen. Es dient nicht der Lösung von Problemen, wenn bestimmte Gruppierungen versuchen, Profit aus der allgemeinen Notlage zu schlagen oder gar die Wissenschaftler und Virologen allmählich zu Sündenböcken zu machen, weil diese nicht aufhören zu warnen und auf die Risiken hinzuweisen. Diese werden eben wieder größer, wenn wir zu viel auf einmal wollen.

Im Moment kann sich niemand anmaßen zu behaupten, er habe den Königsweg für die Lösung aller Probleme. Am wenigsten der, der vorgibt, er könne den „gordischen Knoten“ wie Alexander Große mit dem Schwert durchschlagen.

Es geht nur gemeinsam. Darauf verweist auch eine Geschichte, die von einem anderen „Knotenlöser“ erzählt wird, nämlich vom Heiligen Nikolaus von Flüe, dem Nationalheiligen der Schweiz:

Bei einem verbissenen Streit unter zwei Männern trat er mit einem verknoteten Seil vor die Streithähne und fragte: „Wie kann ich diesen Knoten lösen? Indem an beiden Seiten gezogen wird? Dann wird der Knoten umso härter  und verbissener! Oder indem einer nachgibt und der andere weiterzieht? Auch dann bleibt der Knoten, wenn eine Partei immer nachgibt! Der Knoten lässt sich nur lösen, wenn beide einander entgegenkommen, um mit vereinten Kräften das Problem anzugehen.“

Ihr Pfarrer Bernward Mnich