Jesus fällt unter dem Kreuz

Jesus fällt unter dem Kreuz

Liebe Gemeindemitglieder,

auch an diesem Freitag möchte ich mit Ihnen eines der Kreuzwegbilder des in Braunschweig geborenen und in Bremen und Paris lebenden Künstlers Rainer G. Mordmüller betrachten, die zurzeit in der St.-Marien-Kirche in Querum zu sehen sind.
Es ist ein Bild zur 7. Station des Kreuzweges: „Jesus fällt zum 2. Mal unter dem Kreuz.“

 

Nur ganz wenige Linien. Und doch ist eine Gestalt erkennbar, die zu Boden gestürzt ist. Mit den Knien und vielleicht sogar mit dem Gesicht schmerzhaft aufgeschlagen. Die nach vorn gestreckten Arme haben den Sturz wohl nicht abfangen können. Zu groß die Erschöpfung und die Schwäche. 

Ein Kreuz ist gar nicht zu sehen. Und doch ahnt man, dass eine schier unerträgliche Last die Gestalt zu Boden drückt. Eine Gestalt, die eigenartig gestaltlos – formlos ist. Ohne erkennbare individuelle Gesichtszüge. Wie aufgelöst…

Ich werde erinnert an Verse aus dem Psalm 22:

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bist fern meinem Schreien, den Worten meiner Klage?

Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, der Leute Spott, vom Volk verachtet.

Ich bin hingeschüttet wie Wasser, gelöst haben sich all meine Glieder. Mein Herz ist in meinem Leib wie Wachs zerflossen.

Meine Kehle ist trocken wie eine Scherbe, die Zunge klebt mir am Gaumen, du legst mich in den Staub des Todes.

(Ps 22, 2. 7. 15-16)

Diesen Psalm hat Jesus möglicherweise selber am Kreuz gebetet. Jedenfalls erzählen sowohl Markus als auch Matthäus in ihrer Leidensgeschichte, dass Jesus unmittelbar vor seinem Tod die ersten Worte dieses Psalms laut ausruft: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Alle Evangelien wollen mit der Passion, der Leidensgeschichte Jesu, deutlich machen: Jesus ist der, der selber das Leid der Menschen, ihre Schmerzen, ihre Ängste und ihre Verzweiflung getragen hat. Er ist unter dieser Last zusammengebrochen. Aber er ist wieder aufgestanden. Er ist seinen Leidensweg bis zum Ende gegangen. Bis zum Kreuz.

Das ist die unerhörte aber auch tröstliche Botschaft unseres Glaubens: Jesus steht auf der Seite der Leidenden. Sein Mitleid ist unendlich mehr als ein Gefühl der Betroffenheit aus der Distanz. Sein Mitleid ist Mit-leiden. Darum treffen auf ihn die Worte zu, die der Prophet Jesaja über den leidenden Gottesknecht gesagt hat:

„Er hat unsere Krankheiten getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen.“ Jes 52, 4

Ja, Jesus hat selber sogar die Not und die Last der unbeantworteten Frage nach dem Warum des Leids getragen und mit getragen.

In diesen Tagen gibt es viele Menschen, die eine schwere Last tragen und die manchmal vielleicht auch von ihrer Last zu Boden gedrückt werden: Alle, die zurzeit große Verantwortung tragen im Gesundheitswesen, in der Politik und in der Wirtschaft. Alle zu tragen haben an der Bürde der Sorge und Angst um andere Menschen oder auch um ihre eigene Gesundheit. Alle, die getrennt sind von Angehörigen und lieben Menschen. Alle, die sich mit dem Corona-Virus infiziert haben. Alle, die um Verstorbene trauern…

Herr Jesus Christus, der du für uns gelitten hast:  Sei du an ihrer Seite.
Du bist unter der Last des Kreuzes zusammengebrochen: Sei du buchstäblich unter ihnen, um sie aufzufangen, wenn die Last zu schwer zu werden droht.

Ihr Pfarrer Bernward Mnich