Himmelfahrt. Wer fährt da wohin?

Himmelfahrt. Wer fährt da wohin?

Liebe Gemeindemitglieder,

Morgen ist das Fest Christi Himmelfahrt. Ein F(r)eiertag. Aber was feiern wir da eigentlich?

Der Name „Himmelfahrt“ ist in sich ja schon problematisch… Bei „Himmel“ schauen wir unwillkürlich nach oben. „Fahrt“ klingt nach einer Bewegung für die man normalerweise irgendein Vehikel, ein Fahrzeug, benötigt. Wohin also fährt Christus? Und wie fährt er? Bzw. wohin ist er gefahren – wenn dieses Fest daran erinnern soll?

Genau 40 Tage nach Ostern wird Christi Himmelfahrt gefeiert. Wohl, weil in der Apostelgeschichte im Neuen Testament der Bibel ganz am Anfang steht: Jesus hat den Aposteln „nach seinem Leiden durch viele Beweise gezeigt, dass er lebt; vierzig Tage hindurch ist er ihnen erschienen und hat vom Reich Gottes gesprochen.“

Vierzig Tage nach Ostern – das ist natürlich nicht als kalendarisches Datum gemeint. Die Zahl 40 hat in der jüdischen und christlichen Überlieferung einen hohen Symbolwert und steht für einen Zeitraum, der Wende und Neubeginn ermöglicht.

Der entscheidende Neubeginn, von dem alle Evangelien erzählen, ist die Auferweckung Jesu von den Toten. Und das Fest Christi Himmelfahrt lässt sich nur von Ostern her verstehen.

Die Auferstehung Jesu bedeutet nicht, dass er einfach zu den Jüngern zurückgekehrt war und in der gleichen physischen Gegenwart unter ihnen war wie zu Lebzeiten.

Alle Ostererzählungen des Neuen Testaments versuchen deutlich zu machen, dass der Auferstandene seinen Jüngern in einer neuen Dimension des Lebens begegnet. Er zeigt sich ihnen und ist im nächsten Moment nicht mehr zu sahen. Sie erkennen ihn und doch ist er ihnen zugleich fremd. Manchmal erkennen sie ihn zunächst nicht und brauchen Zeichen und Gesten, die ihnen „auf die Sprünge helfen“. Es braucht Zeit, damit die Jünger allmählich glauben können: Er ist nicht mehr so da wie vorher; aber er ist auf eine neue Weise gegenwärtig.

Die 40 Tage markieren wohl diesen besonderen Zeitraum der Verunsicherung, der Schwebe und des allmählichen Wachsens eines österlichen Glaubens. „Himmelfahrt“ – so könnte man sagen – steht dafür, dass der auferstandene Jesus Christus ganz angekommen ist – bei Gott und in den Herzen seiner Jünger. Ja, er ist in seiner neuen Daseinsweise wirklich ganz bei Gott und zugleich ganz bei den Menschen. Mit "Christi Himmelfahrt” geht die Geschichte Jesu von Nazareth in ihrer unmittelbar irdisch-geschichtlichen Weise unwiderruflich zu Ende.

Aber zugleich beginnt eine neue Wirklichkeit seines Da-Seins mit den Menschen. Es ist sozusagen ein Abschied zu neuer Nähe!

Der frühere Mainzer Bischof Kardinal Karl Lehmann schrieb dazu einmal:

„Es ist ein ganz eigentümliches Abschied nehmen, das uns hier beschrieben wird. Indem Jesus geht, gewinnt er eine neue Nähe. Er wendet nun den ganzen Ertrag und Segen seines Lebens unserer Welt zu. Er entzieht sich in eine neue Nähe und Gegenwart. Jesus ist jetzt nicht mehr an die Grenzen von Raum und Zeit gebunden. Er ist an allen Orten und zu allen Zeiten anrufbar und gegenwärtig. Er ist da, wenn wir in der Kraft seines Namens bitten. Er ist immer da, wo in unserer Welt und Zeit Menschen umkehren und Vergebung ihrer Schuld erfahren (vgl. Lk 24,47). Er ist besonders gegenwärtig in der Versammlung seiner Jünger.“

Das, wofür das Fest Christi Himmelfahrt steht, lässt sich kaum in Kategorien von Raum und Zeit vermitteln. Eher schon in einer Sprache, die Beziehung ausdrückt.

Bei Johannes (vgl. das Evangelium des letzten Sonntags) klingt das vielleicht ein wenig kompliziert: An jenem Tag werdet ihr erkennen: Ich bin in meinem Vater,
ihr seid in mir und ich bin in euch.“

Im Abschnitt des Matthäusevangeliums, den wir in diesem Jahr am Fest Christi Himmelfahrt hören, sagt Jesus am Schluss zu den Jüngern: „Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“

Von diesen Worten her steht das Fest Christi Himmelfahrt auch für ein Versprechen Jesu. Eines, das wir gerade in diesen Tagen gut gebrauchen und an dem wir uns festhalten können.

Ihre Pfarrer Bernward Mnich