Fritzchen an den May

Fritzchen an den May

 

Tagesimpuls für Freitag, 01.05.2020           

Liebe Gemeindemitglieder,
wie den sprichwörtlichen „Ohrwurm“ habe ich dieser Tage dauernd das Lied „Komm, lieber Mai und mache…“ im Kopf. Eigentlich ja kein Wunder bei dem heutigen Datum...

Viele, besonders die Älteren, werden dieses Lied noch kennen. Die Melodie stammt von keinem geringeren als Wolfgang Amadeus Mozart. Den Text schrieb der Dichter, Jurist und spätere Lübecker Bürgermeister Christian Adolph OverbeckBekannt ist allerdings wohl meist nur die erste Strophe:

Komm, lieber Mai, und mache
die Bäume wieder grün,
und lass mir an dem Bache
die kleinen Veilchen blüh’n!
Wie möcht’ ich doch so gerne
ein Veilchen wieder seh’n!
Ach, lieber Mai, wie gerne
einmal spazieren geh’n!

Ich war überrascht, als ich las, dass Overbeck den Originaltext mit 5 Strophen im Jahr 1776 unter dem Titel Fritzchen an den May veröffentlichte und dass es sich eigentlich um ein Winterlied handelt, in dem ein Kind sich den Frühling mit den Möglichkeiten zum Spielen im Freien wünscht.

In der zweiten Strophe des Originaltextes wird das sehr deutlich:

In unsrer Kinderstube
Wird mir die Zeit so lang!
Bald werd’ ich armer Bube
Vor Ungeduld noch krank!
Ach bey den kurzen Tagen
Muß ich mich oben drein
Mit den Vokabeln plagen,
Und immer fleißig seyn!

Wenn man von der „altmodischen“ Sprache absieht, ist die Situation, die hier beschrieben wird, doch sehr aktuell. Ich denke an die Kinder im Kindergarten- oder auch Schulalter, die wegen der Vorsichtsmaßnahmen in der Coronakrise jetzt auch zu Hause „fest sitzen“. Sie können nicht mit ihren Freundinnen in der Kita zusammen kommen, spielen und toben. Sie können sich nicht mit ihren Mitschülerinnen und –schülern in der Schule treffen oder in der Freizeit gemeinsamt etwas unternehmen. Und Schule zu Hause oder sich „mit den Vokabeln plagen“ kann auch kein Dauerzustand sein.

Zwar ist kein Winter mehr, und die Tage sind längst wieder länger geworden. Aber die Tage sind eben auch auf eine andere Weise länger: Die Zeit wird lang. Die Ungeduld wächst.

Gebe Gott, dass der Mai vielleicht doch einige positive Veränderungen bringt und dass die „winterliche Atmosphäre“ des Lebens unter vielerlei Einschränkungen hier und da schrittweise dem Aufblühen neuen Lebens weicht.

Bleiben wir aber alle zugleich verantwortungsbewusst und achtsam in unserem Verhalten, damit das möglich werden und von Dauer sein kann!

Ihr Pfarrer Bernward Mnich

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Foto: Kinder beim Spiel in der Natur, erstellt: 18. Jahrhundert