... ein Haus aus Licht

... ein Haus aus Licht

Liebe Gemeindemitglieder,

Aufstehen…

Das fällt zurzeit manchem vielleicht schwerer als sonst. In der augenblicklichen Situation, in der unser Leben durch die Coronakrise bestimmt wird, ist für viele der Alltag durch die gebotenen Einschränkungen und Vorsichtsmaßnahmen völlig verändert. Auch der Tagesablauf ist nicht mehr wie gewohnt. Das spürt, wer im Moment nicht seiner Arbeit nachgehen kann und zu Hause bleiben muss. Das spüren die Schüler, die noch nicht wieder zur Schule gehen können. Das spüren die Kleinen, die nicht in die KiTa gebracht werden und nicht zusammen mit ihren Freundinnen und Freunden und ihren Erzieherinnen spielen können. Das spüren die Familien, die auf einmal vor ganz neuen Herausforderungen stehen.

Das spüren die, die ganz allein zu Hause sind…

Morgens aufstehen…? Warum nicht liegen bleiben? Weiterschlafen? Wir sind müde. Vielleicht sogar ein wenig lebens-müde: Müde dieses Lebens unter den Bedingungen einer Pandemie mit all seinen Einschränkungen.

Aber gerade jetzt ist es wichtig, dem Tag eine Struktur zu geben. Es ist wichtig, dass es feste Zeiten gibt: Für das Aufstehen, für die Mahlzeiten, für häusliche Arbeiten oder die Arbeit im Homeoffice, für Spiel und Freizeit, für Gespräche, für das Gebet…  

Im veränderten alltäglichen Einerlei, in dem doch das Gewohnte noch um uns ist, kann das Aufstehen – nicht nur morgens – eine eigene Bedeutung bekommen, kann es etwas mit Auferstehung und Ostern zu tun haben. Mit dem Aufstand für das Leben.

Auf diese Gedanken brachte mich ein Gedicht der Lyrikerin Marie Luise Kaschnitz:

"Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut

Nur das Gewohnte ist um uns.
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen
Und sanften Wölfen.

Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.

Und dennoch leicht
Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvolle Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht."

(Marie Luise Kaschnitz, aus: aus: Dein Schweigen – meine Stimme, Hamburg 1962 = GW 5, 306.)

„Geordnet in geheimnisvolle Ordnung - Vorweggenommen in ein Haus aus Licht“
Wie wunderbar und behutsam drücken diese Worte die Hoffnung aus, dass uns etwas Größeres umgibt als unser Alltag. Dass wir geborgen sind in dem, was unser das Leben erleichtert und letztlich unverwundbar macht.

Als Christen dürfen wir glauben, dass dies die Liebe Gottes ist. Sie ist uns geschenkt in Jesus Christus, dessen Auferstehung wir an Ostern gerade gefeiert haben. Sein Weg war ein einziger Aufstand für das Leben. Ein Aufstand gegen den Tod. Bis zur letzten Konsequenz. Bis dahin, dass er für uns gestorben ist. Aber Gott hat ihn bestätigt und ihn auferweckt von den Toten. Zu neuem, ewigen und unverwundbaren Leben.

Und das „Haus aus Licht“? – Ich denke an die Worte Jesu im Johannesevangelium:

„Euer Herz sei ohne Angst. Glaubt an Gott und glaubt an mich!
Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten?“

Ich bin überzeugt: Er, der uns in das Haus aus Licht, in das Haus seines Vaters vorausgegangen ist, bleibt uns zugleich nahe, um Licht in unserem Alltag zu sein.

Ihr Pfarrer Bernward Mnich