Das Lied einer Lerche

Das Lied einer Lerche

Liebe Gemeindemitglieder,

heute habe ich sie wieder gehört – als ich auf einer Runde mit dem Fahrrad über die Hondelage Straße durch die Felder zwischen Hondelage und Bevenrode fuhr: Eine Feldlerche.

Feldlerche

Man hört sie, bevor man sie sieht. Man muss schon anhalten, versuchen, die Richtung auszumachen, aus der der Gesang kommt und den blauen Himmel nach dem kleinen Sänger absuchen. Das kann eine Weile dauern, denn der Flug der Feldlerche ist sehr besonders. Der Vogel klettert buchstäblich an seinem Lied empor. Dabei steigt er unentwegt trillernd im Spiralflug in Höhen zwischen 50 und 100 Meter und verharrt lange Zeit in der Luft. Da ist er unter Umständen mit dem bloßen Auge kaum noch auszumachen.

 

Im lang anhaltenden Fluggesang der Lerche wechseln sich rhythmisch wiederholte Triller, Stakkatofolgen, Roller und Glissandos ab. Dazwischen ertönen auch Imitationen, beispielsweise vom Turmfalken. Dieser kleine Vogel ist ein richtiger Künstler! Und sein Gesang hat – vielleicht gerade, weil er mit dem Aufsteigen in die Höhe verbunden ist – für das menschliche Ohr etwas Jubelndes. Er klingt nach Freude…

Ich war überrascht, als ich las, dass das Lerchen-Männchen mit seinem Gesang sein Revier gegen Artgenossen verteidigt. Und mir fiel ein, was ich vor zwei Tagen in der Morgenandacht im NDR hörte: Der Autor, Kirchenrat Mathis Burfin aus Hannover, wies darauf hin wie sich die Lerche verhält, wenn sie von einem Raubvogel angegriffen wird.

Sie ist dessen Wendigkeit und Flugkünsten weit unterlegen. Und trotzdem hört sie nicht auf zu singen. Auch in der Bedrohung zwitschert und trillert sie mit aller Kraft weiter. So, als wolle sie dem Angreifer sagen: „Ich werde mich nicht aus Angst verkriechen. Ich habe genug Kraft zu singen!“

Ein faszinierender Vogel, diese Lerche. Verteidigt sich gegen Rivalen und sogar gegen gefährliche Angreifer weder durch aggressives Verhalten noch durch Flucht, sondern durch Singen!

Ich frage mich, ob wir von der Lerche etwas lernen können. Natürlich meine ich nicht, dass jede und jeder von uns anfangen sollte zu singen, wenn mir Jemand zu nahe kommt oder wenn ich Angst habe - so wie ängstliche Menschen vielleicht im Dunkeln laut zu pfeifen oder zu singen beginnen.

Wenn ich das Singen allerdings als ein Bild für das Lob Gottes verstehe, dann wird es für mich zu einem Hinweis, wie ich gerade auch in der augenblicklichen Situation beten kann. Manchmal weiß ich im Moment nämlich auch nicht immer genau, wie ich das tun soll. Ja: ich kann Gott meine Sorgen und Ängste mitteilen, ich kann ihn fragen, ich kann klagen und ihn manchmal auch anklagen für so vieles, was derzeit geschieht; ich kann ihn bitten für die Menschen, die im medizinischen Dienst tätig sind, für alle, die in Politik und Wirtschaft Verantwortung tragen und die zurzeit immer wieder vor schwierigen und weit reichenden Entscheidungen stehen; für alle, die Angst vor der Infektion mit dem Corona-Virus haben und auch für die, die bereits erkrankt sind.

Aber wenn ich beten und bitten will: "Gott, lass doch diese Pandemie endlich aufhören", dann merke ich, dass ich an eine Grenze stoße. Ich kann von Gott nicht einfach verlangen dass er tut, was ich erwarte. Ich kann ihn nicht zum Erfüllungsgehilfen meiner Wünsche machen, so gut und richtig die auch sein mögen. Gott ist größer als mein Begreifen. Er ist mir nicht verfügbar, sondern er bleibt immer auch ein unergründliches Geheimnis. Und das ist manchmal nicht leicht auszuhalten.

Doch wenn ich – trotz allem – Gott danke, wenn ich ihn lobe, gerade auch für kleine Dinge und Erlebnisse, dann merke ich, wie das etwas in mir befreit. Wie das eine innere Gegenwelt zum Klingen bringt. Und dann steigt ein Klang der Hoffnung und der Zuversicht in mir auf.

Gott – ich danke dir, dass ich heute die Schönheit deiner Schöpfung erleben durfte. Ich danke dir für die kleine Schwester Lerche, die selber in ihrer Art bedroht ist. Ich danke dir, dass ihr wunderbarer Gesang noch zu hören ist. In ihrem lateinischen Namen „Alauda Arvensis“ steckt doch das Wort „Laus“ oder „laudare“ für „Lob“ oder „loben“.
Der Gesang der Lerche lobt dich, ihren Schöpfer und erinnert mich daran, dass es gut ist, dich zu loben. So heißt es ja auch in einem Psalm:

Halleluja! Gut ist es, unserm Gott zu singen;
schön ist es, ihn zu loben. (Ps 147, 1)

Ihr Pfarrer Bernward Mnich