Bleibe bei uns, du Wandrer durch die Zeit!

Bleibe bei uns, du Wandrer durch die Zeit!

Liebe Gemeindemitglieder,

das Osterfest liegt hinter uns – ein Ostern, wie wir es alle so noch nie erlebt haben: Ein Ostern ohne festliche Gottesdienste, ohne Feiern zu Hause, ohne Besuche. Auch der Alltag, der nun nach den Osterfeiertagen wieder weiter geht, ist nach wie vor drastisch verändert. Und wir wissen nicht genau, wie es nun weiter geht.

Ganz ähnlich ist es eigentlich für zwei Jünger Jesu, von denen uns im Evangelium des Lukas eine der bekanntesten Ostergeschichten erzählt. Begeistert, voller Hoffnungen und Erwartungen waren sie mit Jesus zum Paschafest nach Jerusalem gezogen. Wahrscheinlich hatten sie seinen Einzug in die Stadt mit bejubelt – erfüllt von dem Traum, dass Jesus als der neue König das davidische Königtum wieder errichten, Israel befreien und zu neuer Größe führen würde.

Dann aber war dieses Paschafest ganz anders verlaufen. Zwar hatten sie noch mit Jesus das Sedermahl gefeiert. Aber unmittelbar danach war er verhaftet, zum Tod verurteilt und gekreuzigt worden.

Alle Hoffnungen zerschlagen, alle Erwartungen enttäuscht, alle Träume zerplatzt wie Seifenblasen. Dass einige Frauen aus ihrem Kreis große Aufregung erzeugt hatten mit der Behauptung, sie hätten am frühen Morgen des ersten Wochentages das Grab leer gefunden und von zwei Engeln gesagt bekommen, dass Jesus lebe, hat ihnen keine neue Zukunftsperspektive eröffnet.

Jetzt sind sie auf dem Weg zurück nach Haus in ihr Heimatdorf namens Emmaus. Natürlich reden sie unterwegs miteinander über all das, was sie erlebt haben, über ihre Enttäuschungen und vielleicht auch über ihre Unsicherheit, was nun werden, wie es weiter gehen soll.

Plötzlich kommt Jesus hinzu. Er, der Auferstandene. Aber sie erkennen ihn nicht, weil ihre Blicke im Vergangenen verhaftet sind: in dem, was nicht mehr ist; in dem, was nicht so gekommen ist, wie sie gehofft hatten; im Tod ihres Meisters. Sie sind wie blind. Ihre Herzen immer noch in Schock-Starre.

Doch Jesus fragt sie behutsam, lässt sie erzählen, hört zu. Erst dann erklärt er ihnen die Schriften des Mose und der Propheten und macht ihnen deutlich, dass der Messias, auf dem Weg des Leidens in eine Herrlichkeit gelangen musste, die keine politische Größe ist, sondern die Herrlichkeit des Lebens bei Gott.

Abends in ihrem Dorf angekommen, drängen die beiden den unerkannten Weggefährten, bei ihnen zu bleiben. Beim gemeinsamen Mahl wird der Gast plötzlich zum Gastgeber. Bei Lukas heißt es: „Und als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach das Brot und gab es ihnen. Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten ihn…“

Beim Brechen des Brotes erkennen sie ihn. Und es wird ihnen bewusst, dass schon auf dem gemeinsamen Weg seine Worte ihre Herzen tief bewegt haben. „Brannte uns nicht das Herz, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss?“

Eine ganz besondere Ostergeschichte. Eine Weg-Geschichte. Eine Geschichte, die deutlich macht: Der Osterglaube, die Osterhoffnung braucht Zeit, braucht einen Weg, um sich zu entwickeln. Es können die gewohnten und vertrauten Wege des Alltags sein, die auch wir zurzeit unter ganz anderen Umständen gehen. Sofern nicht aus demselben Haushalt, dürfen momentan im öffentlichen Raum auch nur zwei Personen einen gemeinsamen Weg gehen. Aber solche Wege sind möglich. Gespräche auf dem Weg sind möglich. Oder auch Gespräche am Telefon. Reden über das, was uns bewegt. Reden über Ängste und Sorgen, über Enttäuschungen und Unsicherheiten.

Die Ostererzählung von den beiden Emmausjüngern sagt mir, dass Jesus auch für uns Weggefährte sein kann und will, dass er sich an unseren Gesprächen beteiligen und dass seine Worte, die uns in den Evangelien geschenkt sind, bewegen, lebendig machen und mit Zuversicht und Freude erfüllen können.

Auch wir dürfen ihn, der unsere Wege mit uns geht, einladen, bei uns zu bleiben. Vielleicht mit den Worten eines der neuen Lieder aus unserem Gesangbuch „Gotteslob“ (GL 325):

  1. Bleibe bei uns, du Wandrer durch die Zeit!
    Schon sinkt die Welt in Nacht und Dunkelheit.
    Geh nicht vorüber, kehre bei uns ein.
    Sei unser Gast und teile Brot und Wein.

     
  2. Weit war der Weg, wir flohen fort vom Kreuz.
    Doch du, Verlorner, führtest uns bereits.
    Brennt nicht in uns ein Feuer, wenn du sprichst?
    Zeige dich, wenn du nun das Brot uns brichst.

     
  3. Weihe uns ganz in dein Geheimnis ein.
    Lass uns dich sehn im letzten Abendschein.
    Herr, deine Herrlichkeit erkennen wir:
    Lebend und sterbend bleiben wir in dir.

Ihr Pfarrer Bernward Mnich